Der Geschäftsführer schickt am Freitagnachmittag eine E-Mail. Betreff: „BGM. Bis Ende Q2 brauchen wir was.“
Drei Sätze später steht da: „Such dir was raus. Hauptsache, wir können es kommunizieren.“
So fangen viele BGM-Projekte an. Mit einem Auftrag, der nach Pflicht klingt, aber eigentlich aus Druck entsteht. Und genau das ist das erste Problem.
Wer Betriebliches Gesundheitsmanagement einführt, findet im Netz Dutzende Leitfäden. INQA, Haufe, AOK, BAuA — alle erklären die vier klassischen Phasen: Analyse, Planung, Umsetzung, Evaluation. Manche machen sieben Schritte daraus. Manche zehn. Im Kern steht überall dasselbe Modell.
Was in keinem dieser Leitfäden steht: aus welchem Zustand heraus eine Organisation BGM einführt. Und das entscheidet — mehr als jede Methode — darüber, ob am Ende etwas wirkt oder nur etwas existiert. Dieser Leitfaden geht den Standardprozess Schritt für Schritt durch. Sieben Schritte, wie sie sich in der Praxis bewährt haben. Und ergänzt jeden um die Dimension, die im klassischen BGM fehlt: das Nervensystem der Organisation.
BGM einführen — was die meisten Leitfäden auslassen
Schauen wir kurz auf den Konsens. Das klassische BGM-Modell folgt dem Public Health Action Cycle — Analyse, Planung, Umsetzung, Evaluation. Alle namhaften Quellen, vom GKV-Spitzenverband bis zur Apollon-Hochschule, arbeiten mit dieser Logik. Wer das ernsthaft umsetzt, hat schon mehr getan als die meisten Mittelständler.
Das Problem ist nicht das Modell. Das Modell ist solide.
Das Problem ist, dass die Modelle eine Annahme treffen, die selten stimmt: dass die Organisation, die BGM einführt, in einem regulierten Zustand ist. Dass Menschen klar denken, gut zuhören und gemeinsam priorisieren können. Dass HR, Geschäftsführung und Betriebsrat aus Souveränität heraus entscheiden — nicht aus Erschöpfung, akutem Druck oder offenem Konflikt.
In der Praxis stimmt das selten. BGM-Projekte starten oft genau dann, wenn der Krankenstand schon zu hoch ist. Wenn die Fluktuation in der IT-Abteilung Köpfe rollen lässt. Wenn ein Burnout-Fall der Geschäftsleitung „Wir müssen mal was tun“ aus den Rippen drückt. Heißt: Das System, das ein gesundes Arbeitsumfeld schaffen soll, ist selbst dysreguliert.
Wenn man das nicht mitdenkt, baut man ein Programm, das in der Powerpoint funktioniert — und im Alltag verpufft. Die folgenden sieben Schritte sind der Standardprozess plus diese Dimension. Nicht als Ersatz. Als Ergänzung.
Schritt 1: Auftrag klären — aus welchem Zustand wird gestartet?
Bevor irgendjemand eine Bedarfsanalyse plant, gehört eine Frage geklärt: Warum jetzt? Und wer will das wirklich?
Im Standardprozess heißt dieser Schritt Initial Commitment oder Auftragsklärung. Die Geschäftsführung muss BGM mandatieren — formal, mit Budget, mit Zeit, mit Rückendeckung. Ohne dieses Mandat verzettelt sich jedes Projekt im operativen Tagesgeschäft. Das ist richtig. Aber es ist nur die halbe Klärung.
Die andere Hälfte: Aus welchem inneren Zustand heraus kommt der Auftrag? Drei Varianten erlebe ich in der Praxis:
- Aus Druck. „Wir brauchen jetzt was, sonst kippt die Stimmung.“ Reaktiv, eilig, kurzfristig. Das System ist im Sympathikus-Modus: Aktion, jetzt, Hauptsache Bewegung.
- Aus Resignation. „Wir haben schon viel probiert, nichts hat richtig funktioniert. Aber wir müssen halt etwas haben.“ Das System ist im Rückzug. Niedrige Erwartung, niedrige Energie. BGM als Pflichterfüllung.
- Aus Strategie. „Wir sehen, dass unsere Belastungssignale steigen. Wir wollen dem strukturell begegnen, bevor es eskaliert.“ Reflektiert, ressourciert, mit langer Linie.
Nur die dritte Variante ergibt nachhaltiges BGM. Die ersten beiden produzieren Theater.
Das heißt nicht, dass Sie warten müssen, bis die Geschäftsführung erleuchtet ist. Aber Sie müssen den Zustand benennen können — und im Zweifel den Auftrag nachverhandeln. Konkret: Bevor ich ein Konzept schreibe, frage ich die auftraggebende Person drei Dinge.
- Was hat den Anstoß gegeben?
- Was ist das schlimmstmögliche Szenario, wenn wir nichts tun?
- Welches Bild von „Erfolg“ haben Sie in 18 Monaten?
Wenn die Antworten dünn sind, ist das Projekt noch nicht reif. Dann schauen wir, ob wir den Auftrag schärfen — oder ob wir lieber warten.
Schritt 2: Steuerungsgremium aufbauen — interdisziplinär und regulationsfähig
Sobald der Auftrag steht, kommt der Steuerkreis. Das ist Standard.
Wer gehört rein? Geschäftsführung (oder Vertretung), Personalleitung, Betriebsarzt, Fachkraft für Arbeitssicherheit, Betriebsrat, eine Führungskraft aus dem operativen Bereich — und natürlich die BGM-Projektleitung. In größeren Organisationen ergänzt um Unternehmenskommunikation. In KMU manchmal in Personalunion: HR-Leitung ist gleich BGM-Beauftragte ist gleich Schnittstelle zur Geschäftsführung.
Die Aufgaben des Gremiums sind klar definiert: Ziele festlegen, Handlungsbedarf priorisieren, Maßnahmen freigeben, Wirksamkeit kontrollieren, jährlichen Gesundheitsbericht koordinieren.
Soweit das Lehrbuch.
In der Praxis kippen Steuerkreise an einer anderen Stelle — und das ist der Punkt, den die Leitfäden auslassen: ihrer eigenen Regulationsfähigkeit. Ein Beispiel. Personalleitung im akuten Konflikt mit dem Betriebsrat. Betriebsarzt mit eigener Agenda. Geschäftsführung nimmt nur am ersten und letzten Termin teil. Sifa hat keine Zeit. Die operative Führungskraft sitzt mit verschränkten Armen da, weil sie nicht freiwillig hier ist. Das ist kein Steuerkreis. Das ist eine Eskalationsfläche.
Wenn das Gremium, das BGM steuert, selbst nicht ko-reguliert handeln kann, wird das Programm das Verhalten des Gremiums spiegeln — nicht die Hochglanz-Strategie auf Folie 17.
Was hilft:
- Klare Spielregeln im ersten Termin. Wer trifft welche Entscheidungen? Wer hat Vetorecht? Wer informiert wen?
- Fester Rhythmus. Mindestens vier Sitzungen im Jahr, möglichst sechs. Nicht „bei Bedarf“.
- Ein neutrales Format. Standortwechsel, weg vom Tagesgeschäft. Eine Stunde Vorbereitung, zwei Stunden Sitzung.
- Eine Stille-Frage zu Beginn jeder Sitzung: „In welchem Zustand sitzen Sie heute hier?“ — kein Therapie-Setting, einfach eine kurze Eichung.
Der Steuerkreis ist die erste Instanz, an der sich entscheidet, ob BGM substanziell oder symbolisch wird.
Schritt 3: Analyse — Zahlen lesen UND Stresssignale lesen
Jetzt zur Bestandsaufnahme. Klassische Analyse-Instrumente sind gut dokumentiert:
- Quantitative Daten. Krankenstand, Fehlzeiten, Fluktuation, Altersstruktur, Geschlechterverteilung. Krankenkassendaten (sofern Datenschutz-konform aggregiert), AU-Bescheinigungen, Diagnose-Cluster.
- Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung. Pflicht nach §5 ArbSchG. Standardisierte Verfahren wie der Work-Ability-Index, die SALSA-Skala oder branchenspezifische Tools.
- Mitarbeiterbefragungen. Anonym, mit gut konstruierten Fragebögen. Klassiker: COPSOQ, BGW miab, CheckUp.
- Qualitative Verfahren. Gesundheitszirkel, Workshops, strukturierte Interviews mit Schlüsselpersonen.
Diese Instrumente sind solide. Wer sie sauber durchläuft, hat eine belastbare Datenbasis. Was sie nicht zeigen: den Zustand der Organisation in Echtzeit.
Eine Mitarbeiterbefragung ist eine Momentaufnahme. AU-Daten sind Lagging Indicators — sie zeigen, was schon passiert ist. Die Gefährdungsbeurteilung läuft alle zwei bis drei Jahre. Zwischen den Erhebungen passiert das eigentliche Leben. Was wir ergänzen, sind Mikrosignale:
- Wie ist der Tonfall in Meetings in Q2 im Vergleich zu Q1?
- Wie viele Konflikte landen auf dem Schreibtisch der Personalleitung — und welche Art?
- Wie schnell werden Entscheidungen getroffen? Wie oft revidiert?
- Wie ist der Krankenstand am Montag im Vergleich zum Donnerstag?
- Wie viele Mitarbeitende kommen vor 8 Uhr — und wie viele bleiben nach 18 Uhr?
- Welche Themen tauchen in den letzten zehn Mitarbeitergesprächen wiederholt auf?
Das sind keine standardisierten Kennzahlen. Sie ersetzen nicht die GBU. Aber sie geben einen Hinweis darauf, ob die Organisation ressourciert, gestresst oder im stillen Rückzug ist. Mehr zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung — und wie man sie über die Pflichterfüllung hinaus nutzt — finden Sie in unserem Praxis-Leitfaden zur GBU Psyche.
Eine zweite Erweiterung: Belastungs- versus Beanspruchungsperspektive.
Die klassische BGM-Analyse fragt: „Welche Belastungen liegen vor?“ Stressoren, Arbeitsbedingungen, Lärm, Schichtsystem, Verantwortungsdichte. Das ist wichtig. Die Nervensystem-Perspektive fragt zusätzlich: „Welche Beanspruchung resultiert daraus — und wie kompensiert das System aktuell?“ Eine Belastung, die sieben Jahre lang erfolgreich kompensiert wurde, sieht in der Statistik gleich aus wie eine, die kurz vor dem Kollaps steht. Erst der Blick auf die Kompensationsmechanismen — Überstunden, Rückzug, Konfliktverschiebung, hoher Kaffeekonsum, „ich krieg das schon“ — zeigt, wo die Organisation wirklich steht.
Schritt 4: Ziele festlegen — Lagging und Leading Indicators kombinieren
Aus der Analyse leiten sich Ziele ab. Das ist Schritt vier. Klassische BGM-Kennzahlen sind etabliert:
- Senkung des Krankenstands (z.B. von 6,5 % auf 5,8 %)
- Reduktion der Fluktuation
- Erhöhung der Mitarbeiterzufriedenheit (gemessen über Befragungen)
- Steigerung der Produktivität (sehr indirekt)
- ROI-Berechnungen — der iga.Report von 2015 hat den oft zitierten Wert von 1:2,7 Euro für BGF-Maßnahmen ermittelt
Das sind Ergebniskennzahlen. Sie sagen Ihnen in 18 Monaten, ob das Programm gewirkt hat. Hinter den BGM-ROI-Zahlen steckt allerdings mehr, als auf den ersten Blick sichtbar wird — das haben wir in unserem Artikel zum BGM ROI ausführlicher beleuchtet.
Das Problem mit Ergebniskennzahlen: Sie reagieren spät. Wenn der Krankenstand erst Anfang 2027 zeigt, dass Ihr 2025 gestartetes Programm nicht greift, ist viel Zeit und Budget verloren. Was wir ergänzen, sind Frühindikatoren — kleine, schnelle Signale, die Aussagen über den Regulationszustand der Organisation erlauben:
- Anzahl Konflikte, die in HR eskalieren (monatlich)
- Anzahl der Krankheitstage in den ersten zwei Wochen nach Urlaubsrückkehr
- Antwortrate bei freiwilligen Pulsbefragungen
- Teilnehmerzahl an freiwilligen BGM-Angeboten relativ zur Belegschaft
- Anzahl der Mitarbeitenden, die Überstunden über 10 % der Arbeitszeit aufbauen
- Qualität der Beiträge in Mitarbeiterversammlungen (Passivität versus aktive Rückfragen)
Diese Indikatoren sind weicher. Sie ersetzen die Hauptkennzahlen nicht. Aber sie zeigen früh, ob das System sich entspannt — oder ob das Programm nur Oberfläche bewegt. Was passt: ein Mix aus drei oder vier harten Lagging Indicators und ebenso vielen Leading Indicators. Beide werden quartalsweise im Steuerkreis besprochen.
Schritt 5: Maßnahmen planen — vier Wirkebenen statt vier Handlungsfelder
Schritt fünf ist die Maßnahmenplanung. Hier wird konkret entschieden, was Sie anbieten und wer es umsetzt.
Der gesetzliche Rahmen — §20 SGB V, der Leitfaden Prävention des GKV-Spitzenverbandes — gibt vier klassische Handlungsfelder vor:
- Bewegungsförderung
- Ernährung
- Stressmanagement und Ressourcenstärkung
- Suchtprävention
Dazu kommen organisationale und verhältnisorientierte Maßnahmen: Arbeitsplatzgestaltung, Führungskräfteentwicklung, Pausenkultur, Schichtsystemgestaltung, BEM und so weiter. Das ist ein gut sortiertes Menü. Wer es ausschöpft, deckt §20 ab und qualifiziert sich für Krankenkassenförderung. Auch steuerlich relevant: Bis 600 Euro pro Mitarbeitendem und Jahr sind nach §3 Nr. 34 EStG steuerfrei, wenn die Maßnahmen die Anforderungen des Leitfadens erfüllen.
Was wir bei STRESSWISE ergänzen, ist eine andere Sortierungslogik. Statt nach Handlungsfeldern (was passiert?) sortieren wir nach Wirkebene (wo greift es im System?). Das ist das 4R-Modell — Regulieren, Reflektieren, Ressourcieren, Reorganisieren.
- Regulieren. Direkt am Nervensystem ansetzende Interventionen. Atemübungen, Vagusnerv-Mikroübungen, somatische Praktiken. Wirkt unmittelbar, kurzfristig, körperbezogen.
- Reflektieren. Kognitive Verarbeitung. Coaching, Supervision, Stressmanagement-Trainings, Resilienztraining. Wirkt mittelfristig, persönlichkeitsorientiert.
- Ressourcieren. Aufbau von Schutzfaktoren. Soziale Bindungen, Erholungskompetenz, Sinnverbindung, Selbstwirksamkeit. Wirkt langfristig.
- Reorganisieren. Verhältnisbezogen. Arbeitsorganisation, Schichtsystem, Führungskultur, Kommunikationsstrukturen. Wirkt strukturell, ist am schwersten zu bewegen — und am wirksamsten.
Der Vorteil dieser Sortierung: Sie sehen sofort, wo das Programm Schwerpunkte hat — und wo Lücken sind. Viele Unternehmen besetzen 80 % „Reflektieren“ und 20 % „Regulieren“. „Ressourcieren“ und „Reorganisieren“ fehlen weitgehend. Was dann passiert: Mitarbeitende lernen, ihren Stress besser zu denken — aber das System, das den Stress erzeugt, bleibt unverändert.
Eine Übersicht möglicher Maßnahmen, sortiert nach diesen vier Wirkebenen, finden Sie in unserer Sammlung mit über 50 BGM-Maßnahmen-Beispielen.
Die Auswahl im Einzelfall hängt von der Analyse ab. Faustregel: Wer in der Bedarfserhebung hohe Belastung und niedrige Ressourcen findet, beginnt nicht mit Resilienztraining. Sondern mit Regulationsarbeit auf der körperlichen Ebene — und parallel mit Reorganisationsschritten. Resilienz aufbauen, während das System noch im Sympathikus läuft, funktioniert nicht. Das ist halt so.
Schritt 6: Umsetzung & Kommunikation — Co-Regulation statt Roll-out-Plan
Sobald Maßnahmen geplant sind, kommt die Umsetzung. Schritt sechs.
Im klassischen Projektmanagement heißt das: Roll-out-Plan, Kommunikationsplan, internes Marketing. Wer macht was, wann, mit welchem Budget, wer kommuniziert es an wen. Das gehört dazu. Doppler und Lauterburg haben es so formuliert: Jede Veränderungsstrategie ist nur so gut wie das Konzept zu ihrer Kommunikation. Wahr. Aber unvollständig.
In der Praxis scheitern BGM-Roll-outs selten an mangelhafter Kommunikation. Sie scheitern an einem Widerspruch zwischen Botschaft und gelebter Realität.
Beispiel. Das Unternehmen kommuniziert einen Resilienz-Workshop. Mit Hochglanz-Mailing, Intranet-Banner, Begrüßung durch die Geschäftsführung. „Ihre Gesundheit ist uns wichtig. Wir investieren in Sie.“ Drei Wochen später schreibt die gleiche Geschäftsführung in einer All-Hands-Mail um 22:47 Uhr, dass die Quartalszahlen unter Plan sind und „alle einen Zahn zulegen müssen“.
Die Botschaft des Workshops und die Botschaft der All-Hands kollidieren. Mitarbeitende registrieren das auf einer Ebene, die nichts mit Kommunikation zu tun hat — sondern mit Co-Regulation.
Co-Regulation ist der neurobiologische Mechanismus, über den sich Nervensystemzustände in einem Team angleichen. Wer mit einer entspannten Person spricht, entspannt sich. Wer mit einer angespannten Person spricht, spannt sich an. Das passiert vor jeder Kommunikation, oft binnen Sekunden.
Übersetzt aufs BGM: Was die Geschäftsführung vorlebt, erreicht Mitarbeitende stärker als jedes Programm, das die Geschäftsführung anbietet. Wenn Führungskräfte dauerhaft im Sympathikus laufen, wird kein Workshop der Welt das Klima verändern.
Was hilft in der Umsetzungsphase:
- Führungskräfte zuerst. Wer ein BGM-Programm einführt, beginnt nicht bei den Mitarbeitenden, sondern eine Stufe höher. Wenn die mittlere Führungsebene die Praxis nicht selbst macht, bleibt es Theorie für alle anderen.
- Kleine Schritte, hohe Frequenz. Drei Mikro-Interventionen pro Woche im Team-Stand-up wirken stärker als ein zweitägiger Off-Site-Workshop.
- Sichtbare Praxis. BGM ist erfolgreich, wenn man es im Flur sieht. Eine offene Fenstertür, ein Spaziergang im 1:1, eine Stille-Minute zu Beginn eines Meetings. Wenn das Programm nur in Räumen stattfindet, die als „BGM-Räume“ markiert sind, hat es das Tagesgeschäft nicht erreicht.
- Konsistenz zwischen Worten und Strukturen. Wer Erholungskompetenz predigt und am Freitagabend um 19:30 Uhr Aufgaben verteilt, sendet ein Doppelsignal. Mitarbeitende glauben dem Verhalten — nicht der Folie.
Mehr zur neurobiologischen Mechanik der Co-Regulation und ihrer Bedeutung für Teams haben wir in einem eigenen Artikel beschrieben.
Schritt 7: Evaluation & Verstetigung — vom Projekt zur Praxis
Letzter Schritt: Evaluation und Verankerung.
Klassisch heißt das: Soll-Ist-Abgleich, Kennzahlen-Auswertung, Lessons Learned, PDCA-Schleife. Was hat funktioniert, was nicht, was modifizieren wir, was verstetigen wir, was beenden wir. Das ist gute Arbeit. Wer sie macht, ist deutlich weiter als die Mehrheit. Die Realität in vielen mittelständischen Unternehmen sieht anders aus: BGM wird zwei bis drei Jahre lang als Projekt gefahren, dann verläuft es im Sand. Die Maßnahmen existieren noch nominell, aber niemand misst, niemand priorisiert, niemand entwickelt weiter.
Warum?
Weil BGM in vielen Organisationen als Projekt aufgesetzt ist. Projekte haben einen Anfang und ein Ende. Wenn das Ende kommt, ist es zu Ende. Genau das ist der Denkfehler.
Gesundheit ist kein Projekt. Sie ist ein Zustand, der gepflegt werden muss — täglich, in kleinen Bewegungen. Ein Unternehmen, das gesund bleiben will, braucht keine BGM-Initiative für 2025. Es braucht eine BGM-Praxis ab 2025.
Praktisch heißt das:
- Verankerung in Strukturen. BGM gehört in Arbeitsverträge (Erholungszeiten), in Stellenbeschreibungen (Führungsverantwortung für Gesundheit), in Zielvereinbarungen (Frühindikatoren), in das Onboarding neuer Mitarbeitender und in das Onboarding neuer Führungskräfte.
- Rolle dauerhaft besetzt. Eine BGM-Verantwortung, die mit dem Projekt endet, war keine Verantwortung. Idealfall: feste Stelle oder klar mandatierter Anteil einer HR-Rolle, mit Zeitbudget und Reportingweg zur Geschäftsleitung.
- Jährlicher Gesundheitsbericht. Pflicht in größeren Organisationen, sinnvoll auch im KMU. Strukturierter Bericht mit Lagging und Leading Indicators, Maßnahmenstand, Empfehlungen. Geht an die Geschäftsleitung und an den Steuerkreis.
- Kontinuierliche Praxis statt einmaliger Workshops. Regelmäßige, kleine Formate sind wirksamer als sporadische Großevents. Eine wöchentliche Atemübung im Team-Stand-up wirkt mehr als ein einmaliger Wellness-Tag.
Verstetigung bedeutet: Die Organisation hat gelernt, sich selbst zu regulieren. BGM ist nicht etwas, das man hat, sondern etwas, das man tut.
Was ein BGM mit Nervensystem-Perspektive konkret unterscheidet
Damit der Anspruch nicht in der Luft hängt, vier konkrete Punkte, die den Unterschied machen:
- Diagnostik wird körpernäher. Statt nur Befragungen und Zahlen werden Mikrosignale, Belastungsgeschichte und Regulationskapazität in die Analyse einbezogen.
- Maßnahmen sortieren sich nach Wirkebene. Das 4R-Modell ergänzt die §20-Handlungsfelder um die Frage: Wo im System greift die Maßnahme — kurzfristig regulierend, kognitiv reflektierend, ressourcenaufbauend oder strukturell reorganisierend?
- Führungskräfte werden zur Hauptzielgruppe. Nicht weil sie die schlimmsten Patienten sind, sondern weil sie das Klima prägen. Wer Co-Regulation versteht, weiß: Mitarbeitende übernehmen den Zustand ihrer Führungskräfte. Wer im BGM Erfolge erzielen will, beginnt eine Etage höher.
- BGM wird zur Praxis statt zum Projekt. Statt Programmen mit Anfang und Ende stehen Strukturen, die das Organisationsnervensystem dauerhaft verändern.
Wenn Sie an dem Punkt stehen, BGM neu aufzubauen oder einen bestehenden Ansatz zu schärfen, kann ein STRESSWISE impulse — ein halbtägiges Format, das Nervensystem-Basics und körperbasierte Praxis vermittelt — eine Einstiegsstation sein. Nicht als Ersatz für strukturelles BGM, sondern als Erfahrungsraum, in dem Steuerkreis oder Führungsteam erlebt, was körperbasierte Regulationsarbeit konkret bedeutet.
Häufig gestellte Fragen
Wie lange dauert es, BGM einzuführen?
Vom ersten Auftrag bis zu den ersten umgesetzten Maßnahmen sollten Sie sechs bis neun Monate einplanen. Steuerkreis aufbauen und Analyse brauchen Zeit. Schnellere Roll-outs sehen meist gut aus auf der Folie und schwach in der Wirkung. Verstetigung ist dann ein Prozess von zwei bis drei Jahren — danach läuft es als Praxis.
Was kostet die Einführung von BGM?
Hängt von Größe und Ambitionsniveau ab. Faustregel: 50 bis 150 Euro pro Mitarbeitendem und Jahr für ein solides BGM. Im KMU mit 100 Beschäftigten landet man also bei 5.000 bis 15.000 Euro pro Jahr — ohne Personalkosten für interne BGM-Verantwortung. Krankenkassen fördern §20-konforme Maßnahmen, und §3 Nr. 34 EStG erlaubt steuerfreie Zuwendungen bis 600 Euro pro Person und Jahr für qualifizierte Gesundheitsförderung.
Welche gesetzlichen Pflichten muss ich beim BGM-Aufbau berücksichtigen?
BGM als Gesamtkonzept ist nicht gesetzlich vorgeschrieben. Drei Bestandteile aber sehr wohl: die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung nach §5 ArbSchG, das Betriebliche Eingliederungsmanagement nach §167 SGB IX (bei Mitarbeitenden mit mehr als sechs Wochen AU innerhalb von zwölf Monaten), und der Arbeitsschutz an sich nach ArbSchG. Wer diese drei Stränge sauber bedient, hat das Pflichtprogramm — alles darüber hinaus ist freiwillig, aber ROI-relevant. Eine ausführliche Übersicht zur BGM-Pflicht für Arbeitgeber finden Sie hier.
Brauche ich externe Berater für die BGM-Einführung?
Kommt drauf an. Im KMU unter 100 Beschäftigten kann eine erfahrene HR-Person mit Fortbildung und externem Sparring viel selbst stemmen. Ab etwa 250 Mitarbeitenden wird es ohne externe Begleitung anstrengend — vor allem in der Analysephase und bei der Konzeption komplexer Maßnahmen. Externe sind hilfreich für Methoden-Know-how (z.B. GBU Psyche), für Workshops, die intern als „neutraler Raum“ gebraucht werden, und für Format-Trainings, die spezifische Expertise brauchen — etwa Nervensystemarbeit.
Wo liegt der Unterschied zwischen BGF und BGM?
BGF — Betriebliche Gesundheitsförderung — ist eine Teilmenge. Sie umfasst die konkreten Maßnahmen zur Gesundheit der Mitarbeitenden: Kurse, Workshops, Programme. BGM — Betriebliches Gesundheitsmanagement — ist der übergeordnete Steuerungsrahmen: Strategie, Strukturen, Steuerkreis, Evaluation. Vereinfacht: BGF ist das Was, BGM ist das Wie. Wer nur BGF macht ohne BGM, hat ein Sammelsurium an Maßnahmen ohne Steuerung. Wer BGM ohne BGF macht, hat einen Steuerkreis, der nichts steuert.
BGM mit Nervensystem-Perspektive in der Praxis erleben
STRESSWISE impulse ist unser halbtägiges Einstiegsformat für Steuerkreise und Führungsteams. In drei bis vier Stunden vermitteln wir die Grundlagen körperbasierter Regulationsarbeit und zeigen konkret, wie die Nervensystem-Dimension in Ihre BGM-Struktur integriert werden kann.
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