Manchmal verkürzt sich ein wissenschaftliches Lebenswerk auf einen einzigen Satz. Bei Hans Selye war dieser Satz: „Stress ist die unspezifische Reaktion des Körpers auf jede an ihn gestellte Anforderung.“ Er steht seit den 1950er-Jahren in Lehrbüchern, in BGM-Schulungsunterlagen, in HR-Präsentationen — und er hat einen Forschungsbereich überhaupt erst möglich gemacht.
Was selten dazugesagt wird: Selyes Modell ist seit über fünfzig Jahren in mehrfacher Hinsicht korrigiert, erweitert und kritisch eingeordnet worden. Wer heute über Stress in Organisationen entscheidet, sollte beides kennen — die Grundlagen, die Selye gelegt hat, und das, was die nachfolgende Forschung an seinem Modell verändert hat.
Dieser Beitrag stellt Selyes Definition präzise dar, ordnet sie wissenschaftshistorisch ein und führt durch die zentralen Weiterentwicklungen: vom Allgemeinen Anpassungssyndrom über die Mason’sche Spezifitätskritik bis zu Allostase, transaktionalem Stressmodell und der modernen Psychoneuroendokrinologie deutschsprachiger Provenienz.
Hans Selye: Vom Wiener Mediziner zum „Father of Stress“
Hans Selye (1907–1982) wurde in Wien geboren, wuchs in Komárom (heute Slowakei) auf und studierte Medizin und organische Chemie an der Deutschen Universität Prag (Promotion 1929 bzw. 1931). Über ein Rockefeller-Stipendium kam er an die Johns Hopkins University, wechselte 1932 an die McGill University in Montreal und übernahm 1945 an der Université de Montréal die Leitung des neu gegründeten Institut de Médecine et Chirurgie Expérimentale. Er veröffentlichte rund 1.700 wissenschaftliche Artikel und 39 Bücher und wurde im Lauf seiner Karriere zehnmal für den Nobelpreis nominiert.
Den entscheidenden Befund veröffentlichte Selye 1936 als kurzen Brief an die Zeitschrift Nature: „A syndrome produced by diverse nocuous agents“. Selye beschrieb darin, dass Ratten unabhängig vom Schädigungsagens — Kälte, Verletzung, Adrenalin, Atropin, Morphin, Formaldehyd — ein typisches Reaktionsmuster zeigten: vergrößerte Nebennierenrinde, Atrophie von Thymus und Lymphknoten, gastrointestinale Erosionen. Bemerkenswert: Das Wort stress kommt im Originaltext von 1936 nicht vor.
Den Begriff stress entlehnte Selye später aus der Materialprüfung der Ingenieurwissenschaften — dort beschreibt er die Belastung, die auf einen Werkstoff einwirkt. In seiner Autobiographie hat er diese Wortwahl bedauert: Treffender, schrieb er, wäre strain syndrome gewesen. Die sprachliche Fehlentscheidung erklärt einen Teil der bis heute fortbestehenden Verwechslung — die Gleichsetzung von Stress als Ursache und Stress als Reaktion, gegen die Selye sein Leben lang argumentierte.
Selyes Definition von Stress: drei entscheidende Begriffe
Die berühmteste Formulierung erscheint zwanzig Jahre nach dem Nature-Brief in seinem Buch The Stress of Life (McGraw-Hill 1956, S. 74; deutsche Ausgabe „Stress beherrscht unser Leben“, Econ 1957):
„Stress ist die unspezifische Reaktion des Körpers auf jede an ihn gestellte Anforderung.“ — Hans Selye, The Stress of Life (McGraw-Hill, New York 1956), S. 74
In der überarbeiteten Auflage von 1976 erweiterte Selye die Definition um einen Halbsatz, der für die HR-Praxis bedeutsam ist: „… ob diese durch angenehme oder unangenehme Bedingungen verursacht ist oder zu ihnen führt.“ Damit wird Stress in Selyes eigener Bestimmung explizit als wertneutrales physiologisches Phänomen festgeschrieben.
Reaktion. Stress ist für Selye nicht der Auslöser, sondern die Antwort darauf. Den Auslöser nennt er Stressor. Diese terminologische Unterscheidung ist die theoretische Grundlage des gesamten Modells — und zugleich der Punkt, an dem die Alltagssprache am häufigsten kollidiert.
Unspezifisch. Selyes zentrale These war, dass unterschiedlichste Stressoren ein gemeinsames biologisches Grundmuster auslösen. Diese Annahme der Unspezifität war revolutionär — und sie ist, wie weiter unten gezeigt wird, der empirisch am stärksten umstrittene Bestandteil des Modells.
Anforderung. Stress ist eine biologische Anpassungsleistung an eine Umweltbedingung. Wer Anforderungen vermeidet, vermeidet auch Stress — aber zugleich Lernen, Engagement und Entwicklung. Aus dieser neutralen Bestimmung ergibt sich die zentrale Konsequenz für betriebliches Gesundheitsmanagement: Das Ziel ist nicht die Stresseliminierung, sondern ein tragfähiges Verhältnis von Anforderungen und Ressourcen.
Das Allgemeine Anpassungssyndrom: drei Phasen
Selyes wichtigster theoretischer Beitrag ist das General Adaptation Syndrome (GAS), im deutschen Sprachraum als Allgemeines Anpassungssyndrom (AAS) übersetzt. Es beschreibt den typischen zeitlichen Verlauf einer länger andauernden Stressreaktion in drei Phasen, die Selye 1946 in einer ausführlichen Übersicht im Journal of Clinical Endocrinology erstmals systematisch darstellte.
1. Alarmreaktion
Der Organismus erkennt eine Anforderung und mobilisiert Ressourcen. Zwei neuroendokrine Systeme werden gleichzeitig aktiviert: das sympathoadrenomedulläre System (SAM-Achse) mit der raschen Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin, und die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) mit der zeitversetzten Cortisol-Antwort. Herzfrequenz, Atmung, Muskeltonus und Wachsamkeit steigen.
Die Alarmreaktion ist evolutionär darauf ausgelegt, eine kurze Bedrohung zu überstehen und anschließend in einen erholsamen Zustand zurückzukehren. Im modernen Arbeitsalltag ist diese Rückkehr oft nicht gewährleistet — der Konflikt im Meeting fließt nahtlos in die nächste Mailrunde, der Engpass im Projekt in den Feierabend.
2. Widerstandsphase
Hält die Anforderung an, geht der Organismus in einen Anpassungsmodus über. Die akute Mobilisierung wird auf einem niedrigeren, aber dauerhaft erhöhten Niveau gehalten. Symptome treten in dieser Phase oft zurück — die Person funktioniert, leistet, kompensiert.
Im Unternehmenskontext ist die Widerstandsphase die unauffälligste und aus BGM-Sicht die kritischste. Mitarbeitende in chronischer Anpassung fallen nicht durch Krankschreibungen auf. Sie liefern. Genau deshalb wird sie häufig übersehen — und genau deshalb beschreibt sie der heutige Forschungsstand mit einem präziseren Begriff als der ursprünglichen Selye’schen Phase: als Zustand kumulierender allostatischer Last (siehe unten).
3. Erschöpfungsphase
Wenn die Belastung über die Anpassungskapazität hinausgeht, bricht die Kompensation zusammen. Selye sprach von einer endlichen adaptation energy — einer Annahme, die er später selbst relativierte und die heute in der Stressforschung nicht mehr in dieser Form gehalten wird. Empirisch gut gestützt ist hingegen, dass chronische Stressbelastung mit messbaren Veränderungen einhergeht: Dysregulation der HPA-Achse, niedriggradige Entzündungsaktivität, gestörter Schlaf, kardiovaskuläres Risiko.
Wichtig ist die diagnostische Abgrenzung: Die Erschöpfungsphase ist ein physiologisches Modell. Burnout ist ein klinisch-psychologisches Syndrom mit eigener Operationalisierung — im ICD-11 als „Faktor, der den Gesundheitszustand beeinflusst“ (Code QD85) klassifiziert, nicht als eigenständige Erkrankung. Die Konzepte sind verwandt, aber nicht deckungsgleich.
Die drei Phasen werden in der Lehrliteratur häufig als lineares Modell dargestellt. Das ist eine didaktische Vereinfachung. In der Realität verlaufen die Übergänge fließend, und Phasen können sich abwechseln, je nachdem wie sich Belastung und Erholung verteilen.
Eustress, Distress — und die neue Differenzierung „Sustress“
In Stress without Distress (Lippincott 1974) führte Selye eine begriffliche Differenzierung ein, die er erkennbar unter dem Eindruck der Diskussion mit dem schwedischen Stressforscher Lennart Levi entwickelt hatte:
- Eustress (von griech. eu, „gut“) bezeichnet Belastung, die als bewältigbare Herausforderung erlebt wird, in einem überschaubaren Zeitraum bewältigt werden kann und als sinnstiftend wahrgenommen wird. Eustress wirkt aktivierend und fördert Lernen und Engagement.
- Distress bezeichnet Belastung, die als überfordernd, sinnlos oder unkontrollierbar erlebt wird und das Risiko gesundheitlicher Folgen erhöht.
Selye unterschied diese Formen ausdrücklich nicht über die objektive Höhe der Belastung, sondern über ihre subjektive Verarbeitung. Dieselbe Anforderung kann für die eine Person Eustress, für die andere Distress bedeuten — ein Punkt, der den Übergang zu Lazarus‘ transaktionalem Modell vorbereitet.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit von Lu, Wei und Li (Cell Stress 2021) hat die klassische Dichotomie um eine dritte Kategorie erweitert: Sustress beschreibt einen Zustand inadäquat niedriger Stimulation — vergleichbar dem, was die Arbeitspsychologie als Boreout oder qualitative Unterforderung kennt. Stress, in dieser dreigliedrigen Sicht, ist nicht primär ein Zuviel, sondern ein Verfehlen des produktiven Aktivierungsfensters in beide Richtungen.
Für HR und BGM ergibt sich daraus ein Gestaltungshebel, der über reine Belastungsreduktion hinausgeht: Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen Anforderungen als Eustress erlebt werden können — durch Sinnerleben, Autonomie, Kompetenzerleben und tragfähige soziale Beziehungen. Diese Differenzierung greifen wir im Beitrag Stressmanagement im Unternehmen ausführlicher auf.
Die wissenschaftliche Kritik an Selyes Modell
Drei Kritikrichtungen haben das Selye’sche Modell seit den 1970er-Jahren strukturell verändert. Sie sind in jeder modernen Übersichtsarbeit zur Stressforschung präsent — und sie sollten in jeder seriösen Selye-Rezeption mitlaufen.
1. Die Spezifitätskritik (Mason 1971)
Der amerikanische Psychiater John W. Mason veröffentlichte 1971 im Journal of Psychiatric Research die Arbeit „A re-evaluation of the concept of ’non-specificity‘ in stress theory“. Mason zeigte experimentell, dass viele klassische Stressoren der Selye’schen Versuche — Hitze, Hunger, körperliche Arbeit — die HPA-Achse nicht aktivieren, wenn sie ohne psychologisches Element verabreicht werden. Erst Neuheit, Unvorhersehbarkeit, Aversion oder Kontrollverlust lösen die für GAS charakteristische adrenokortikale Reaktion aus.
Pacak und Kollegen bestätigten 1998 (American Journal of Physiology) experimentell, dass unterschiedliche Stressoren in zentralen und peripheren Stresssystemen unterschiedliche neurochemische Signaturen hinterlassen — etwa in den Mustern der Katecholamin-Freisetzung, der Hypothalamus-CRH-Aktivierung und der Cortisol-Antwort. Die Stressreaktion ist also nicht unspezifisch, wie Selye postuliert hatte, sondern stressorspezifisch.
Die Konsequenz ist erheblich: Was eine Stressreaktion auslöst, ist nicht primär die physische Beschaffenheit des Reizes, sondern dessen psychologische Bewertung. Damit ist die theoretische Brücke zu Lazarus‘ transaktionalem Modell gebaut.
2. Die Methoden- und Geschlechterkritik
Selyes experimentelle Basis bestand fast ausschließlich aus Versuchen an männlichen Ratten. Aktuelle methodologische Analysen — etwa Bowman und Kollegen (2017) zu geschlechtsspezifischen Effekten chronischer Stressbelastung bei Nagern — zeigen, dass die Generalisierbarkeit der Befunde dadurch erheblich eingeschränkt ist. Eine kritische Reanalyse von Selyes Originaldatensätzen durch Nageishi (2015) fand zudem in mehreren Versuchsgruppen Reize, die keine charakteristische Adrenal- oder Thymus-Reaktion zeigten — also Anomalien zur postulierten Universalität.
Hinzu kommt eine weitere Confounding-Variable, die Sorge und Kollegen 2014 (Nature Methods) systematisch dokumentiert haben: Das Geschlecht des experimentierenden Personals beeinflusst die Stressreaktion von Versuchsnagern messbar. Männliche Experimentatoren erzeugen bei Ratten und Mäusen eine signifikant stärkere Cortisol-Antwort als weibliche. Vieles, was als „typische Stressreaktion“ galt, ist Teil einer methodischen Verzerrung.
3. Die Tabakindustrie-Verbindung (Petticrew & Lee 2011)
Die wissenschaftshistorisch heikelste Aufdeckung erfolgte 2011 durch Mark Petticrew und Kelley Lee im American Journal of Public Health auf Basis interner Industriedokumente, die durch US-amerikanische Tabakprozesse öffentlich wurden: Selye war ab Ende der 1960er-Jahre über Jahrzehnte hinweg von der Tabakindustrie finanziert. Das industrienahe Council for Tobacco Research zahlte ihm 50.000 US-Dollar jährlich als „Special Project“; die kanadische Tabakindustrie sagte einen vergleichbaren Betrag zu.
Dokumentiert ist auch, dass Selye im Juni 1969 vor dem Gesundheitsausschuss des kanadischen Unterhauses gegen tabakkontrollpolitische Maßnahmen — Werbeverbote, Warnhinweise, Teer-/Nikotin-Grenzwerte — argumentierte, und dass Industrieanwälte Wortlaut und Inhalt einzelner seiner Veröffentlichungen mitbestimmten. Das Stresskonzept selbst wurde von der Industrie strategisch eingesetzt: Rauchen wurde als Stressminderer positioniert; Stress, nicht Tabak, wurde als eigentliche Ursache stressassoziierter Erkrankungen vorgeschlagen.
Diese Verbindung entwertet Selyes wissenschaftlichen Beitrag nicht — seine endokrinologischen Beobachtungen aus den 1930er- und 1940er-Jahren sind davon unberührt. Sie macht aber sichtbar, dass die populäre Karriere des Stressbegriffs — die Wendung vom medizinischen Befund zum kulturellen Allgemeinplatz — auch das Ergebnis interessengeleiteter Kommunikation war. Eine kritische Selye-Rezeption muss diesen Kontext mitdenken.
Vom Allgemeinen Anpassungssyndrom zum modernen Stresssystem
Was Selyes Modell nicht erfassen konnte, kommt durch die nachfolgende Forschung dazu. Drei Linien sind für die heutige Stresskonzeption tragend.
Allostase und Allostatic Load (Sterling & Eyer 1988; McEwen 1998)
Peter Sterling und Joseph Eyer prägten 1988 den Begriff Allostase — „Stabilität durch Veränderung“. Bruce McEwen (Rockefeller University) hat das Konzept ab 1993 zum heute dominierenden Rahmen ausgearbeitet. In der Übersichtsarbeit von 1998 (Annals of the New York Academy of Sciences) definiert McEwen vier Typen allostatischer Last: häufige Aktivierung allostatischer Systeme; fehlendes Abschalten nach Stressende; fehlende Habituation an wiederholte Stressoren; inadäquate Reaktion mit kompensatorischer Hochregulation gegenregulatorischer Systeme.
Der Unterschied zum GAS ist konzeptuell groß. Selye postulierte eine stereotype Phasenfolge bis zur Erschöpfung. Allostase beschreibt eine kontextsensitive, vom Gehirn interpretierte Anpassungsleistung, die ihre biologischen Kosten in Form messbarer Marker hinterlässt: erhöhte Ruhe-Cortisolwerte mit gestörtem Tagesverlauf, reduzierte Herzratenvariabilität, erhöhter Ruheblutdruck, niedriggradige Entzündungsaktivität, gestörte Schlafarchitektur, eingeschränkte Erholungsfähigkeit. Keiner dieser Marker macht eine Person für sich genommen krank. Mehrere zusammen, über Jahre, schon.
Für Organisationen heißt das: Eine Person, die seit zwei Jahren in einem dauerhaft angespannten Team arbeitet, ist nicht „in der Widerstandsphase“ und damit unproblematisch. Sie trägt eine Last, die sich auf Schlaf, Konzentration, Immunsystem und Beziehungsqualität auswirkt — auch ohne Krankschreibung. Diese Mechanik vertieft der Beitrag zur Nervensystemregulation am Arbeitsplatz.
Das transaktionale Stressmodell (Lazarus & Folkman 1984)
Richard Lazarus und Susan Folkman verlagerten den Stressbegriff in ihrem Standardwerk Stress, Appraisal, and Coping (Springer 1984) von der biologischen Reaktion auf die kognitive Bewertung. Stress entsteht in dieser Perspektive nicht aus dem Stressor selbst, sondern aus dem Bewertungsprozess: Eine Situation wird in der primären Bewertung als bedrohlich, herausfordernd oder irrelevant eingeordnet; in der sekundären Bewertung schätzt die Person ihre Bewältigungsressourcen ein.
Lazarus‘ Modell ist nicht der Ersatz für Selye, sondern dessen kognitive Erweiterung. Es füllt die Lücke, die Selyes Beschränkung auf die physiologische Reaktion gelassen hatte. Wir behandeln das transaktionale Modell ausführlich im Beitrag Das Transaktionale Stressmodell von Lazarus und Folkman.
HPA-Achse, Sympathikus und Polyvagaltheorie
Die heutige Standardphysiologie bettet Selyes Beobachtungen in zwei zentrale Achsen ein: die HPA-Achse (Hypothalamus → CRH → Hypophyse → ACTH → Nebennierenrinde → Cortisol) und das sympathoadrenomedulläre System (SAM-Achse, Adrenalin/Noradrenalin). George Chrousos hat diese Architektur in einer einflussreichen Übersicht als „Stresssystem“ konsolidiert (Nature Reviews Endocrinology 2009).
Stephen Porges hat ab den 1990er-Jahren mit der Polyvagaltheorie eine ergänzende Perspektive vorgeschlagen, die in der körperorientierten Trauma- und Stresstherapie breit rezipiert, in Teilen der Grundlagenforschung aber kontrovers diskutiert wird. Porges‘ zentrales Argument ist, dass das parasympathische System nicht einheitlich ist, sondern in einem evolutionär jüngeren ventralen Vagus (Soziales Engagement) und einem älteren dorsalen Vagus (Erstarrung/Shutdown) operiert. Für die organisationale Praxis ist daraus die Beobachtung tragfähig, dass Sicherheits- und Gefahrensignale im Team unterhalb der bewussten Wahrnehmung wirken — das Nervensystem reagiert auf Tonfall, Mimik, Atmosphäre, lange bevor eine kognitive Bewertung greift.
Selye in der deutschsprachigen Stressforschung
Im deutschsprachigen Raum ist Selyes Modell vor allem in drei Forschungslinien produktiv weiterentwickelt worden.
Der Marburger Gesundheitspsychologe Gert Kaluza hat mit seinem Standardwerk Stressbewältigung — Trainingsmanual zur psychologischen Gesundheitsförderung (Springer, 5. Auflage 2023) das in Deutschland verbreitetste Stressmanagement-Modell formuliert. Sein Drei-Säulen-Modell — Stressor, Stressreaktion, persönliche Stressverstärker — ist die theoretische Grundlage des von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannten Programms Gelassen und sicher im Stress, das seit über zwanzig Jahren in deutschen Unternehmen eingesetzt wird.
Die Trier-Dresden-Schule der Psychoneuroendokrinologie (Dirk H. Hellhammer, Clemens Kirschbaum, Karl-Martin Pirke) hat Selyes physiologische Linie mit modernen Methoden zur direkten Cortisolmessung verbunden. Kirschbaum, Pirke und Hellhammer entwickelten 1993 den Trier Social Stress Test, das heute weltweit am häufigsten eingesetzte standardisierte Stress-Induktionsparadigma. Kirschbaum hat zudem die Cortisolmessung im Speichel und im Haar — als retrospektiver Marker für längerfristige Cortisolexposition — methodisch etabliert.
An der Universität Freiburg leitet Markus Heinrichs den Lehrstuhl für Biologische und Differentielle Psychologie und die Psychotherapeutische Hochschulambulanz für stressbedingte Erkrankungen. Sein gemeinsam mit Tobias Stächele und Gregor Domes verfasstes Lehrbuch Stress und Stressbewältigung (Hogrefe 2015) integriert die psychoneuroendokrinologische Stressforschung mit ihren therapeutischen Implikationen.
Was bleibt: Selyes Vermächtnis kritisch gewürdigt
Die wissenschaftshistorische Bilanz lässt sich in drei Sätzen zusammenfassen.
Selye hat das Feld geöffnet, nicht abgeschlossen. Ohne den Nature-Brief von 1936 und die nachfolgende systematische Ausarbeitung gäbe es die Stressforschung als eigenständige Disziplin nicht. Diese Leistung ist von der späteren Korrektur seiner Annahmen unberührt.
Die Unspezifitätsthese ist überholt, die Phasenlogik ist relativiert. Wer heute über Stress in Organisationen kommuniziert, sollte das Drei-Phasen-Modell als didaktisches, nicht als physiologisch zutreffendes Bild verwenden — und die Mason’sche Erkenntnis, dass psychologische Bewertung die Stressreaktion strukturiert, nicht nachträglich überlagert, sondern von Beginn an mitkonstituiert.
Die wertneutrale Bestimmung des Stressbegriffs ist Selyes nachhaltigster Beitrag für die HR-Praxis. Ein BGM, das Stress generell minimieren will, verkennt seine eigene Aufgabe. Was es zu reduzieren gilt, ist nicht Aktivierung, sondern fehlpassende Aktivierung — Belastungsmuster, die entweder in Distress oder in Sustress kippen, weil Sinn, Autonomie, Kompetenzerleben oder soziale Eingebundenheit fehlen.
Wie STRESSWISE arbeitet
STRESSWISE setzt dort an, wo das klassische Stressmanagement an Grenzen stößt: bei der körperlichen, nervensystemischen Ebene von Stress — und an der Schnittstelle, an der Selyes Modell endet und Allostase, Polyvagal-Perspektive und Co-Regulation beginnen. Stress wird in unseren Formaten nicht als zu vermeidendes Übel behandelt, sondern als reguliertes Aktivierungsmuster, das durch klar nachweisbare körperbasierte Praktiken — Atem-, Wahrnehmungs- und Bewegungsarbeit — modulierbar ist.
Wie sich daraus konkrete Interventionen für den Arbeitsalltag entwickeln lassen, beschreiben wir im Beitrag Körperbasierte Stressbewältigung.
Häufig gestellte Fragen
Was ist die berühmte Definition von Stress nach Hans Selye?
Selye definierte Stress 1956 in The Stress of Life (S. 74) als „die unspezifische Reaktion des Körpers auf jede an ihn gestellte Anforderung“. 1976 ergänzte er die Bestimmung um den wertneutralen Zusatz, dass dies unabhängig davon gelte, ob die auslösende Bedingung als angenehm oder unangenehm erlebt werde.
Was sind die drei Phasen des Allgemeinen Anpassungssyndroms?
Selye unterschied die Alarmreaktion (akute Mobilisierung über SAM- und HPA-Achse), die Widerstandsphase (Anpassung auf erhöhtem Aktivierungsniveau) und die Erschöpfungsphase (Zusammenbruch der Kompensation bei dauerhaft überschrittener Anpassungskapazität). Die heutige Forschung beschreibt diesen Verlauf nicht mehr als linear-deterministisch, sondern unter dem Konzept der allostatischen Last als kontextsensitive, kumulative Anpassungsleistung.
Was unterscheidet Eustress und Distress?
Selye führte die Unterscheidung 1974 in Stress without Distress ein. Eustress bezeichnet Belastung, die als bewältigbar und sinnstiftend erlebt wird; Distress bezeichnet Belastung, die als überfordernd oder unkontrollierbar erlebt wird. Entscheidend ist nicht die objektive Höhe der Anforderung, sondern die subjektive Verarbeitung. Eine aktuelle Erweiterung (Lu, Wei, Li, Cell Stress 2021) ergänzt die Kategorie Sustress für inadäquat niedrige Aktivierung.
Welche Kritik gibt es an Selyes Stressmodell?
Drei Kritiklinien sind etabliert: (1) Die Mason’sche Spezifitätskritik (1971) zeigt, dass die Stressreaktion nicht unspezifisch, sondern stressorabhängig und durch psychologische Bewertung mediiert ist. (2) Methodisch sind Selyes Befunde fast ausschließlich an männlichen Ratten gewonnen, mit dokumentierten Generalisierbarkeitsproblemen. (3) Petticrew und Lee haben 2011 belegt, dass Selye über Jahrzehnte von der Tabakindustrie finanziert wurde und gegen tabakkontrollpolitische Maßnahmen auftrat — ein Kontext, der die populäre Karriere des Stressbegriffs mitprägte.
Was ist Allostase und wie verhält sie sich zu Selyes Modell?
Allostase ist das von Sterling und Eyer (1988) eingeführte und durch McEwen (ab 1993) ausgearbeitete Nachfolgekonzept. Es beschreibt Anpassung als kontextsensitive, gehirngesteuerte Regulation und definiert allostatische Last als die akkumulierten biologischen Kosten wiederholter Aktivierung. Allostase ersetzt Selyes lineares Phasenmodell durch ein dynamisches Regulationsmodell, in dem das Gehirn als interpretierende Instanz im Zentrum steht.
Literatur
Die folgende Auswahl umfasst die für diesen Beitrag verwendeten Primär- und Sekundärquellen mit DOI-, PMID- oder ISBN-Angabe zur direkten Nachverfolgung.
Primärquellen (Hans Selye)
Selye, H. (1936). A syndrome produced by diverse nocuous agents. Nature, 138 (3479), 32. doi:10.1038/138032a0
Selye, H. (1946). The general adaptation syndrome and the diseases of adaptation. Journal of Clinical Endocrinology, 6, 117–230.
Selye, H. (1950). Stress and the general adaptation syndrome. British Medical Journal, 1 (4667), 1383–1392.
Selye, H. (1956). The Stress of Life. McGraw-Hill, New York.
Selye, H. (1974). Stress without Distress. J. B. Lippincott, Philadelphia.
Selye, H. (1976). Stress in Health and Disease. Butterworths, Boston. ISBN 978-0407983250
Kritik und Sekundärliteratur
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Pacak, K., Palkovits, M., Yadid, G., Kvetnansky, R., Kopin, I. J., Goldstein, D. S. (1998). Heterogeneous neurochemical responses to different stressors: A test of Selye’s doctrine of nonspecificity. American Journal of Physiology, 275 (4), R1247–R1255. doi:10.1152/ajpregu.1998.275.4.R1247
Petticrew, M. P., Lee, K. (2011). The „father of stress“ meets „big tobacco“: Hans Selye and the tobacco industry. American Journal of Public Health, 101 (3), 411–418. doi:10.2105/AJPH.2009.177634 — PMID 20466961
Sterling, P., Eyer, J. (1988). Allostasis: A new paradigm to explain arousal pathology. In: S. Fisher, J. Reason (eds.), Handbook of Life Stress, Cognition and Health, S. 629–649. Wiley, New York.
McEwen, B. S. (1998). Stress, adaptation, and disease: Allostasis and allostatic load. Annals of the New York Academy of Sciences, 840, 33–44. doi:10.1111/j.1749-6632.1998.tb09546.x — PMID 9629234
Lazarus, R. S., Folkman, S. (1984). Stress, Appraisal, and Coping. Springer, New York. ISBN 978-0826141910
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Lu, S., Wei, F., Li, G. (2021). The evolution of the concept of stress and the framework of the stress system. Cell Stress, 5 (6), 76–85. PMC8166217
Rochette, L., Dogon, G., Vergely, C. (2023). Stress: Eight Decades after Its Definition by Hans Selye — „Stress Is the Spice of Life“. Brain Sciences, 13 (2), 310. doi:10.3390/brainsci13020310 — PMC9954077
Sorge, R. E., Martin, L. J., Isbester, K. A. et al. (2014). Olfactory exposure to males, including men, causes stress and related analgesia in rodents. Nature Methods, 11 (6), 629–632. doi:10.1038/nmeth.2935
Deutschsprachige Rezeption
Kaluza, G. (2023). Stressbewältigung: Trainingsmanual zur psychologischen Gesundheitsförderung (5. Aufl.). Springer, Berlin/Heidelberg. ISBN 978-3-662-67109-2
Kirschbaum, C., Pirke, K. M., Hellhammer, D. H. (1993). The „Trier Social Stress Test“ — a tool for investigating psychobiological stress responses in a laboratory setting. Neuropsychobiology, 28, 76–81.
Stalder, T., Kirschbaum, C. (2012). Analysis of cortisol in hair — state of the art and future directions. Brain, Behavior, and Immunity, 26 (7), 1019–1029. PMID 22366690
Heinrichs, M., Stächele, T., Domes, G. (2015). Stress und Stressbewältigung. Reihe „Fortschritte der Psychotherapie“, Band 58. Hogrefe, Göttingen. ISBN 978-3-8409-2252-7
STRESSWISE intensive: Stresskompetenz auf Nervensystem-Ebene
Selyes Modell beschreibt, was im Körper geschieht. STRESSWISE intensive macht es im Team praktisch arbeitsfähig — als ein Tag fokussierter Arbeit an Stressreaktion, Co-Regulation und Erholung, jenseits von Wellness-Theater und auf belastbarer wissenschaftlicher Grundlage.
Eine Übersicht aller vier Formate finden Sie auf der Seite Formate.
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